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poroerotus - Rentierscheidung

Herbstzeit in Lappland ist nicht nur Jagdzeit, sondern auch die Zeit der Rentierzählungen / Rentierscheidungen. Rentiere streifen im Sommer frei durch die Wälder und beschäftigen sich 24 Stunden lang mit dem Fressen. Im Herbst zur Paarungszeit sind sie in grossen Gruppen unterwegs - ideal um sie zur Zählung zusammen zu treiben.

Waldspaziergang

Lappland ist in Bezirke aufgeteilt. Jeder Bezirk hat seine eigenen Rentierscheidungsplätze und der zuständige Präsident des Zuchtvereins legt die Daten für die einzelnen Plätze fest. Meist erfahren die Rentierzüchter selber erst wenige Tage vor der Zählung, wo und wann diese stattfindet.

Davor müssen die Rentiere jedoch erst zusammengetrieben werden. Traditionellerweise wandern die Züchter in einem Umkreis von 50-60 Kilometer des Platzes durch den Wald und treiben die Tiere in Richtung des Geheges. Der technische Fortschritt hat auch vor den Rentierbauern nicht Halt gemacht und so benutzen dieser Tage viele auch Quads oder wenn schon Schnee liegt Snowmobiles, Hunde und einige der Tiere werden vor der Freilassung im Sommer mit einem GPS-Tracker ausgestattet.  Mein Boss mag die traditionelle Weise und spricht jeweils von einem "längeren Spaziergang" im Wald :-)

Rentierkälber bleiben fast ein Jahr lang bei der Mutter
Rentierkälber bleiben fast ein Jahr lang bei der Mutter

Rentierzaun

Der Tag beginnt für uns früh - um 04.00 Uhr morgens machen sich meine Kollegin und ich auf den Weg in Richtung Rovaniemi. Dann gibt es erstmal Kaffee, bis alle weiteren Helfer eintrudeln. Mit dabei ist auch ein Fotografen- und Videoteam.

Wir folgen meinem Boss  mit dem Auto zum Rentiergehege. Die Rentierzählung hier ist eine der grössten, rund 800 Rentiere werden hier während zwei Tagen gezählt, aussortiert und zur Fleischproduktion vor Ort geschlachtet. Deshalb ist auch das Gehege riesig. Es ist in mehrere verschieden grosse Zäune unterteilt.

Zu Fuss schlendern wir zum einen Ende des Geheges. Von dort treiben wir die riesige Rentierherde in Marschtempo erst in Richtung der anderen Rentierzüchter. Diese verständigen sich via Funkgeräte und geben regelmässig ihren Standort durch.  Anschliessend treiben wir alle gemeinsam die Herde zum Zwischenzaun. Unterwegs schnappe ich Gesprächsfetzen zweier junger Züchter auf, die sich über die vergangenen Tage im Wald unterhalten. Wie es tönt, wurde ein bisschen zu ausgiebig gefeiert. Rentierzählungen sind gesellige Anlässe, deshalb wundert es auch nicht, dass der eine oder andere Züchter etwas verkatert ausschaut.

Es ist für Laien gar nicht so einfach, mit den Züchtern Schritt zu halten
Es ist für Laien gar nicht so einfach, mit den Züchtern Schritt zu halten

Zwischenzaun

Wir treiben die Rentiere in den Zwischenzaun. Dazu bilden wir mit den Züchtern eine Linie und strecken unsere Arme aus, damit keine Lücken entstehen. Solange die Rentiere in eine Richtung rennen, ist alles okay. Dann wechseln die Tiere plötzlich die Richtung und kommen auf uns zugerannt. Das ist schon eindrücklich, wenn dir so viele Rens gleichzeitig entgegenkommen! Doch an uns kommt (fast) keines vorbei.

Rentiere tendieren dazu, in der Herde im Kreis zu rennen
Rentiere tendieren dazu, in der Herde im Kreis zu rennen

Nach und nach beruhigen sich die Rentiere im Zwischenzaun. Die Züchter gehen umher und begutachten ihre Tiere. Sie erkennen sie an den Ohrmarken. Für mich sehen wiedermal fast alle gleich aus und ich frage mich, wie es mein Boss schafft, alle seine Rens auseinanderzuhalten.

Einige der im Juni markierten Kälber wurden anscheinend falsch markiert, das wird dann später korrigiert.

Solange die Züchter ihre Tiere genau beobachten und bereits im Kopf über Leben und Tod entscheiden, haben meine Kollegin und ich Zeit zu fotografieren.

Die Bullen tragen noch ihr stattliches Geweih. Ich entdecke in einer Ecke Hoikkapoika, eines der Arbeitstiere vom letzten Winter. Und dann sind da auch noch Lumikko und Jussi. Ich bin richtig stolz, dass ich immerhin drei erkannt habe.

Ein neugieriges weisses Rentier hält sich immer in unserer Nähe auf und posiert freudig für die Kamera. Heidi und ich fragen uns, was es wohl mit diesem Sonderling auf sich hat.

bitte lächeln
bitte lächeln

Nächster Zaun

Nach geraumer Zeit wird die Herde halbiert und die eine Hälfte in ein kleineres Gehege getrieben. Hier werden erst die Bullen mit dem Lasso eingefangen und ausgesondert, was ganz schön Kraft erfordert. Die Bullen sind stark und wehren sich grösstenteils. Zwischen all den Männern fällt mir eine zierliche, junge blonde Frau auf. Ihre Lassofertigkeiten sind aussergewöhnlich. Sie fängt einen Bullen nach dem anderen ein. Ich komme aus dem Staunen kaum heraus. Übrigens sind gerade mal 40% aller Rentierzüchter Frauen. 

Inzwischen hat mein Boss hat Hoikkapoika eingefangen und auch Lumikko ist bereit, aus dem Zaun geführt zu werden.

Den falsch markierten Kälbern wird eine gelbe Nummer um den Hals gehängt, damit sie später richtig markiert und gezählt werden können. Die Herde wird zurück in den grösseren Zwischenzaun gelassen und die andere Hälfte erfährt die gleiche Prozedur.

Nach einer geschlagenen Ewigkeit ist Mittagspause angesagt. Würste werden gegrillt und Rentiersuppe wird geschlürft. Mein Boss lädt uns zu Kaffee und Pulla ein.

Eigentliche Sondierung

Danach folgt die eigentliche Sondierung. Eine Hälfte der Herde wird wieder in den kleineren Zaun gelassen, von wo wiederum ein Teil in ein noch kleineres Gehege weitergetrieben wird. In diesem kleineren Gehege dürfen sich nur die Rentierzüchter und Kinder aufhalten. Sie fangen die Weibchen und Kälber ein, prüfen die Ohrmarken, verpassen dem Rentier mit dem Messer eine Markierung ins Fell, welche die Zählung kennzeichnet und entscheiden dann, ob das Rentier in den Wald freigelassen wird oder im Zaun mit den zu schlachtenden Tieren landet. Die Buchmacher sitzen erhöht und notieren die Anzahl Rentiere für jeden Züchter. Hier haben die Rentierbauern auch die Chance, in einer Auktion neue Tiere zu erwerben. Die Orhmarken der fälschlich markierten Kälber werden jetzt ebenfalls korrigiert.

Wie es bei der Zucht so ist, werden vorwiegend Kälber zur Schlachtung ausgesondert.

Sie bleiben zusammen in einem Zaun bis zu ihrem Todesurteil am nächsten Tag. Man will die Tiere schonen und sie möglichst ruhig halten. Deshalb werden sie auch vor Ort geschlachtet. Der Transport würde die Tiere nur unnötigem Stress aussetzen.

Langer Tag

Und so geht es weiter und weiter, bis endlich alle Tiere gezählt und sortiert sind.

Während einer Kaffeepause werden wir über das neugierige weisse Rentier aufgeklärt - anscheinend handelt es sich dabei um ein sogenanntes "pihaporo", also ein Hofrentier, welches an Menschen gewöhnt ist und gerne für die Fotos der Touristen posiert :-)

Möchtest du auch einmal an einer Rentierscheidung teilnehmen? Nimm mit mir Kontakt auf. Die Sortierungen finden zwischen Ende September und Mitte Oktober statt. Die genauen Daten werden jeweils erst kurz vorher bekannt gegeben.