Search for Santa

Ich trete in der Halle nervös von einem Fuss auf den anderen und bemerke, dass es nicht nur mir so geht. Alle warten gespannt. Draussen tobt das Schneegestöber erbarmungslos weiter. Vor einer Stunde hätte die Maschine aus Manchester landen sollen. An Bord 240 aufgeregte Passagiere. Unter ihnen zumeist Familien mit Kindern und den Grosseltern.

Sophie zupft ihre Kleidung zurecht. Die rote Mütze schmückt ihren dunkelbraunen Lockenkopf perfekt und der grüne Kragen mit den kleinen goldenen Glöckchen passt wie angegossen. Die aufgemalten roten Bäckchen verleihen ihr etwas Weihnachtliches. Die Tür springt auf und Riikka stürmt hinein. „Es geht los, die Maschine ist gelandet!“ In Nullkommanichts sind alle auf ihren Plätzen. Es ist das letzte Wochenende vor Weihnachten und das Team ist eingespielt. Draussen bei -20 Grad heissen die ersten Elfen die Gäste aus England in Lappland willkommen und weisen ihnen den Weg zur Kleiderhalle. In der Halle werden alle Besucher von Santas Helfern in Overalls, Wollsocken, Stiefel, Handschuhe, Schals und Mützen gepackt. Dann geht es endlich los. Ich schnappe mir die ersten Familien und begleite sie zu meinem Bus. Selbstverständlich sind sie aufgeregt und freuen sich auf ihren Besuch bei Santa Claus.

 

Die Kinder erhalten von mir ihren persönlichen Reisepass. Ein kleines Mädchen mit goldblonden Zöpfen versteckt sich hinter ihrem Vater. Schüchtern nimmt sie den Reisepass entgegen. Als ich sie frage, auf was sie sich am meisten freut, flüstert sie leise „Santa Claus“. Ich knie mich zu ihr hinunter und flüstere ihr aufmunternd zu: „Und weisst du was, Santa freut sich auch sehr auf dich.“ In ihren grossen runden Augen sehe ich ein Glitzern und ein Lächeln huscht über ihr Gesicht. Ich lasse die Familie einsteigen und als alle ihre Plätze eingenommen haben, gebe ich dem Busfahrer das okay zur Abfahrt. Im Bus herrscht lebhaftes Treiben. Trotz der immensen Verspätung ist die Stimmung gut und die Vorfreude auf einen Tag im hohen Norden gross. Die 30 minütige Fahrt vom Flughafen Kittilä zum Eishotel SnowVillage fülle ich mit Informationen zu den Aktivitäten vor Ort, erzähle über die finnische Polarnacht und gebe Anekdoten aus meinem Leben als Weihnachts-Elfe zum Besten.

 

Auf dem Snowmobile zu Santa

Mit lautem Bellen empfangen uns die Huskys auf dem Parkplatz des Eishotels. Sie freuen sich darauf, die Gäste im Schlitten eine Runde ums Hotel zu fahren. Drüben bei der Feuerstelle warten auch Rudolf und seine Rentierfreunde auf die Ankunft der Besucher. Ich aber führe meine Gruppe an der Eiskapelle vorbei zu den Snowmobiles und bitte sie, auf den Schlitten Platz zu nehmen. Das schüchterne kleine Mädchen sitzt zusammen mit ihrem Vater hinter mir. Ich bemerke, dass sie keinen Schal trägt und lege ihr ohne zu zögern meinen um. „Gut vors Gesicht halten“, sage ich ihr. Auf dem Schlitten hinter dem Snowmobile kann es bei einer Aussentemperatur von –20 Grad ganz schön kalt werden. In gemächlicher Fahrt schlängeln sich die Snowmoblies samt Schlitten durch den finnischen Wald bis zum Hause des Weihnachtsmannes. Der Weg zum Haus ist nur mit Kerzen beleuchtet, vor dem Haus brennt ein Feuer. Die erste Familie darf nun den Weihnachtsmann in seinem Haus besuchen, die restlichen Gäste warten mit mir am Feuer. Manche Kinder tollen im Schnee herum. Ich schenke heissen Beerensaft aus und verteile Pfefferkuchen. Ich setze mich zu der Familie mit dem schüchternen Mädchen und erzähle ihr und den anderen Kindern, dass ich eine Feuer-Elfe bin. Wie ich denn heisse, will ein vorlauter Junge wissen. „Mein Name ist Tuli, das bedeutet Feuer auf Finnisch“, entgegne ich ihm. Selbstverständlich kenne ich auch Rudolf persönlich und erzähle von seinen neusten Abenteuern. Die Kinder und allen voran das kleine Mädchen hören mir aufmerksam zu.

 

Zu Besuch bei Santa

Dann ist es endlich soweit und die Familie mit dem Mädchen ist an der Reihe für ihren Besuch bei Santa Claus. Ich begleite sie zum Haus und frage das Mädchen, wie es heisst. „Clara, hast du Santa auch einen Brief geschrieben? Weisst du schon, was du dir zu Weihnachten wünschst?“ will ich weiter von ihr wissen. „Erhalten Elfen auch Weihnachtsgeschenke?“, kontert die Kleine. Ich schüttle ein bisschen traurig den Kopf. „Unser Geschenk ist eure Freude an Weihnachten.“ Die Tür öffnet sich und eine weitere Elfe begrüsst die Familie und bittet sie hinein. Ich kehre zum Feuer zurück, wo ich sehnsüchtig von ein paar Jungs zu einer Schneeballschlacht erwartet werde.

 

Plötzlich zupft etwas an meiner Hose. Ich schaue herunter und Clara und ihr Vater stehen neben mir. „Tuli schau, ich habe von Santa ein Geschenk erhalten“, sie strahlt übers ganze Gesicht. „Und jetzt besuchen wir Rudolf!“ Sie nimmt ihren Vater an der Hand und zieht ihn zum Snowmobile, welches die Gäste zurück zum SnowVillage bringt.

 

Der Tag verläuft hektisch. Durch die Verspätung der Flugzeuge steht den Gästen weniger Zeit vor Ort und somit auch weniger Zeit beim Besuch des Weihnachtsmannes zur Verfügung. Ich geniesse meine fünf minütige Pause auf dem Snowmobile-Taxi zurück zum Eishotel und schaue noch kurz in der Küche vorbei, um etwas Essbares zu ergattern. Bevor der Bus zurück zum Flughafen fährt, hole ich an der Rezeption Diplome ab. Im Bus  vergewissere ich mich, dass meine Gruppe vollzählig ist. Clara sitzt zuvorderst und schaut mir gespannt zu. Auf der Rückfahrt lasse ich mir von den Besuchern versichern, dass sie ihren Tag in Lappland genossen haben und verteile das Zertifikat, welches bestätigt, dass sie den Tag am Polarkreis erfolgreich überlebt haben. Ich fasse mich kurz, denn die meisten schlafen, geschafft von den vielen Eindrücken und der Kälte, nach kürzester Zeit ein. Clara packt ihr Geschenk aus und freut sich sichtlich über das Plüsch-Rentier.

 

Ein unerwartetes Geschenk 

Sobald wir die Kreuzung in Kittilä passieren, wecke ich die Leute sachte auf. In der Kleiderhalle warten die Umkleide-Elfen bereits auf unsere Ankunft und helfen den Gästen aus den geliehenen Winterklamotten. Wir Bus-Elfen helfen tatkräftig mit, schliesslich dürfen unsere Besucher den Flieger, welcher sie innert vier Stunden zurück nach Manchester bringt, nicht verpassen.

Die Halle leert sich und ich geselle mich zu Sophie und den anderen Bus-Elfen, um ihren Erlebnissen zu lauschen. Da klopft mir jemand auf die Schulter. Der Vater von Clara steht vor mir und zeigt auf Clara. „Clara möchte dir noch etwas sagen“. Ich folge ihm zu Clara, knie mich zu ihr runter und schaue sie gespannt an. „Ich habe mich entschieden, mein Rentier nach dir zu benennen. Es heisst jetzt Tuli.“ Ich bin überrascht und gerührt zugleich. „Clara, das ist ein wunderbares Weihnachtsgeschenk für mich. Fröhliche Weihnachten!“
Als ich der Familie zum Abschied winke, stellt sich Sophie zu mir und sagt: „Tuli, du hast da was im Auge...“