The Great Glen Way

Fort William - Inverness, Highlands, Schottland

Elchior mit seiner Kollegin Pikku Myy vor dem Inverlochy Castle
Elchior mit seiner Kollegin Pikku Myy vor dem Inverlochy Castle

Anreise nach Fort William

Nach einer Nacht in Edinburgh nehmen wir den Zug nach Glasgow Queen Street. Da in Glasgow gerade ein Festival stattfindet, ist der Zug voller Schottischer Jugendlicher. Die Fahrt dauer zum Glück nur knapp eine Stunde.

 

Zweimal täglich bringt Scotrail Reisende von Glasgow nach Fort William. Wir nehmen den Zug um 12:20 Uhr und sind erstaunt, dass unsere Sitzplatzreservation aufgrund einer technischen Panne im Zug keine Gültigkeit geniesst. Der Zug besteht aus vier Wagen, wovon zwei nach Oban und zwei nach Mallaig fahren. Im richtigen Wagen angekommen, finden wir noch einen Sitzplatz. Andere Reisende, welche kurz vor Abfahrt noch einsteigen, werden die rund 4 Stunden Fahrt stehend verbringen. Die Zugfahrt gilt als eine der schönsten Europas und die Aussichten auf die vorbeiziehenden Lochs und Munros entschädigt die Unannehmlichkeiten allemal.

 

In Fort William bleiben wir die ersten zwei Nächte vor der Wanderung und haben so genügend Zeit, das Städtchen ausgiebig zu erkunden. Vom alten Fort sind leider nur noch die Überreste der massiven Steinmauern sichtbar. Im West Highland Museum erfährt man viel Wissenswertes über die Geschichte von Fort William, die Clans und die Jacobite Bewegung.

Da ich ein grosser Fan von Outlander bin, lasse ich es mir nicht nehmen, mit dem Jacobite Steam Train nach Mallaig und wieder zurück zu fahren. Der Dampfzug passiert das eindrückliche Glenfinnan Viadukt. Der Zug sowie das Viadukt sind auch bekannt aus Harry Potter. Leider macht uns das Wetter einen Strich durch unsere Rechnung. Aufgrund der vorherrschenden warmen Temperaturen kann die Dampflokomotive leider nicht betrieben werden und es wurde stattdessen eine Diesellok eingesetzt. Die Fahrt war trotzdem ein tolles Erlebnis und die vorbeiziehende Landschaft einfach herrlich.

1. Etappe Fort William - Gairlochy (16km)

Nach dem reichhaltigen Frühstück im BnB geht es endlich auf den Great Glen Way. Der Trail startet beim alten Fort und führt am Inverlochy Castle vorbei nach Corpach Lock und zur Neptune Staircase. Von da verläuft der Weg eben und gemächlich dem Kanal entlang in 16km nach Gairlochy. Die Strecke mit Sicht auf den Ben Nevis, den höchsten Berg Grossbritanniens, ist eingebettet in die Munros (Hügel). Ausser entgegenkommenden Bikern, gelegentlichen Booten und am Ufer grasenden Schafen ist hier nicht viel los. 

 

In Gairlochy angekommen, nehmen wir mit unseren Hosts Kontakt auf und lassen uns am Lock abholen, da wir die Nacht nicht in Gairlochy selbst sondern in Spean Bridge verbringen. 

2. Etappe Gairlochy - Invergarry (22km)

Colin hat uns ein fruchtiges Frühstück gezaubert. Gestärkt von traditionellem Rührei mit Lachs ging es dann von Gairlochy dem Loch Lochy entlang Richtung Invergarry. Wir folgten dem Rat unseres BnB-Betreibers Colin und machten kurz vor Culens einen Abstecher zur St. Ciarans Kapelle in Achnacarry. Die Kapelle steht mitten im Wald und gehörte einst zum Land des Clan Cameron. Neugierig folgten wir dem Weg weiter. Als wir aus dem Wald kamen, hatten wir einen wunderschönen Blick auf das Achnacarry House und das Clan-Haus der Camerons.

 

Das Clan Haus ist ein Museum, welches die Geschichte des Clans erläutert und über die Region berichtet. Zu Zeiten des Jacobite Risings bot das Land der Camerons "Bonnie Prince Charlie" Zuflucht. Beeindruckt haben uns im Museum auch das Brautjungfernkleid, welches eine Cameron zur Hochzeit von Prinz Charles und Lady Di trug, sowie ein Stück Kuchen von der Hochzeitstorte von Prinz Williams Hochzeit.

 

Während dem zweiten Weltkrieg wurden in Achnacarry Truppen ausgebildet. Entlang des Weges stiessen wir immer mal wieder auf Monumente der Truppen.

 

Kurz vor Clunes trafen wir auf zwei Wandererinnen aus Arizona. Anja hatte mit den beiden gestern bereits Bekanntschaft gemacht. Wie sich herausstellte, verbringen die beiden die nächste Nacht im selben BnB und so beschlossen wir kurzerhand, die Strecke nach Invergarry zusammen zurückzulegen. Unterwegs machten die drei an einem schönen Strand Halt und badeten ihre Füsse im kalten See - nur ich durfte meine Hufen nicht benetzen. 

 

In Laggan gönnten sich die drei ein kühles Cider in einem Schiffpub, bevor sie die letzten Kilometer unter die Füsse nahmen. Im BnB angekommen, wurde der zur Verfügung stehende Hot tub getestet und für gut befunden.

3. Etappe Invergarry - Fort Augustus (15 km)

Nach dem gemeinsamen Frühstück machten sich die zwei Amerikanerinnen und Anja auf den Weg nach Fort Augustus. Die drei Weggefährten nahmen den Invergarry Link durch den Wald, welcher sie von Invergarry direkt zurück auf den Great Glen Way führte.  Erst freuten sich die drei über die Wolken am Himmel, doch als sie die Bridge of Oich erreichten, klarte der Himmel auf und die Sonne zeigte sich von ihrer strahlendsten Seite. Der Great Glen Way ging weiter dem Kanal entlang. Ich habe meine Nase kurz aus dem Rucksack gestreckt, als wir an einem Lock warten mussten, bis wir die Brücke überqueren konnten. Ausser einem Scottish Highlander war aber nicht viel interessantes auf dem Wasser zu sehen. Und ja, einen Scottish Highlander hatte ich mir irgendwie anders vorgestellt...

 

Kurz nach der Mittagszeit erreichten wir Fort Augustus, ein kleines Städtchen am Loch Ness. Wir assen zusammen Mittag und die beiden Kolleginnen überlegten, den Bus zu ihrem nächsten Übernachtungspunkt in Invermoriston zu nehmen. Der Bus fuhr erst um drei Uhr, so blieb also noch genügend Zeit, das Städtchen zu begutachten und ein Glacé zu schlecken. Dann hiess es Abschied nehmen. Anja gab den beiden ein Mini-Sackmesser mit auf den Weg als Erinnerung und als Dank für die gute Gesellschaft unterwegs und man versprach sich, per Facebook in Kontakt zu bleiben.

Das Schöne am Great Glen Way ist, dass man unterwegs immer wieder neue Bekanntschaften schliessen kann. Man trifft auf interessante, offene Leute und man entscheidet selber, ob man alleine oder gemeinsam weiterwandern möchte. Anja hat die Zeit mit den beiden sehr genossen und ich bin gespannt, auf wen sie noch treffen wird. Für den Moment ist sie wieder alleine auf sich gestellt.

 

Im BnB eingecheckt und frisch geduscht hat sich Anja in das nächste Pub begeben. Pikku Myy und ich durften natürlich auch mit - Anja macht nichts ohne uns. Im Pub gab es Mac and Cheese, also cremige Pasta, mit Pommes. Ja, richtig gelesen, mit Pommes. Die spinnen, die Schotten. Weshalb sollte man Pasta mit Pommes essen?! Naja egal, Anja hat es jedenfalls geschmeckt.

Danach haben wir uns eine einstündige Abend-Schifffahrt auf dem Loch Ness gegönnt - splendid! Allerdings wollte ich Nessie nicht persönlich begegnen, weshalb ich es vorzog, meine Hufen in Anjas Tasche zu behalten. Ich bekam aber mit, dass der Guide an Board viel über den See, die Tierwelt an Land und das Monster erzählte - und das mit viel trockenem schottischen Humor.

4. Etappe Fort Augustus - Invermoriston (13km)

Beim Frühstück sah es so aus, als ob wir heute mal einen Wolken bedeckten Himmel zu Gesicht bekommen. Aber bereits nach der ersten Stunde der Wanderung waren die Wolken weitergezogen und der Himmel so blau wie noch nie. Tsss...von wegen in Schottland regnet es immer. 

 

Nach ein paar Kilometer mussten wir uns entscheiden, ob wir die Low Route oder die High Route nehmen sollen. Wir entschieden uns einstimmig für die High Route, da auf dieser Strecke die Aussicht vielversprechend sein soll. So nahmen wir munter die 350 Höhenmeter unter die Hufen, pardon Füsse. Bald schon kamen wir über die Baumgrenze aus dem wunderschönen Wald heraus und waren ganz entzückt vom Panorama. Der Aufstieg hatte sich wirklich gelohnt. Anja schoss eifrig Fotos und drehte sogar ein kleines Video. Wir liessen uns auf einem Felsen nieder und bestaunten die Sicht über Loch Ness und die umliegenden Munros. 

 

Es dauerte nicht lange, da näherte sich eine kleine Gruppe dem Aussichtspunkt. Zu der Gruppe gehörten zwei Schweizerinnen (Mutter und Tochter), ein norwegisches Pärchen und eine ältere Frau aus London, welche wir zwei Tage zuvor bereits angetroffen hatten. Wie Anja so ist, machte sie sich mit allen bekannt und man fand heraus, dass man im selben BnB übernachten wird. Also machte man sich gemeinsam auf nach Invermoriston. Die High Route war abwechslungsreich mal runter und mal rauf, aber immer oberhalb der Baumgrenze und immer mit Blick auf den Loch. Es war herrlich! Myy und ich durften einige Male dem Rucksack entfliehen. 

 

Nach einem steilen Abstieg vereinten sich die High Route und die Low Route und innert kurzer Zeit kam die Gruppe in Invermoriston an. Da es noch eine Stunde zu früh war, um einzuchecken, gönnten sich die durstigen Wanderer im Pub im Ort erstmal eine Pint und reservierten einen Tisch für das gemeinsame Nachtessen. 

Anja plauderte beim Einchecken ausgiebig mit Robert und Heather, den Besitzern des BnB. Heather war schon mehrere Male mit ihrer Pfadfindergruppe in der Schweiz zu Besuch. Ausserdem ist sie wie Anja ein grosser Fan von Outlander - es gab also viel zu reden. 

 

Zum Nachtessen hatte Anja heute eine Pouletbrust gefüllt mit Haggis. Wie bitte, Haggis? Brrr.... für mich als Vegetarier ist die Vorstellung, Schafinnereien zu essen, einfach nur schrecklich. Aber Anja kann es nicht lassen, Neues zu probieren. So bestellte sie sich zum Dessert auch noch gleich ein "clootie dumpling", ohne zu Wissen, was das überhaupt ist. Geschmeckt hat es wie eine finnische Zimtschnecke mit Rosinen drin, war also lecker. Na dann...guten Appetit!

5. Etappe Invermoriston - Drumnadrochit (23 km)

Um fünf Uhr stand Anja das erste Mal auf, um aus dem Fenster zu schauen. Heather hat uns erzählt, dass am Morgen jeweils ein rotes Eichhörnchen mit dem Namen "red jamie" auf der Terrasse verweilt. Leider liess sich Jamie heute nicht blicken, schade.

 

Robert und Heather haben uns mit Lachs und Rührei zum Frühstück verwöhnt. Dazu gab es köstliche frischgebackene Scones. Richtig gestärkt und voller Tatendrang brachen wir auf. Auf den ersten paar Kilometer ging es rund 150 Höhenmeter hinauf, bis wir uns wieder entscheiden mussten, ob wir die High Route oder die Low Route nehmen sollen. Wir nahmen natürlich die High Route. 

 

So ging es hoch hinauf bis über die Baumgrenze hinaus bis zur Skulptur aus Holz und Steinen. Dort legten wir einen ersten Foto-Halt ein. Wir marschierten munter weiter. Zwischendurch überholten uns Läufer des Ultra Races. Die Strecke des Rennens verläuft über den Great Glen Way von Fort William nach Inverness in einem Tag - wahnsinn!

 

An der Trollbrücke durften Myy und ich endlich wiedermal aus dem Rucksack. Von da war es nicht mehr weit bis zum höchsten Punkt der Strecke auf 450 Meter. Ein grosser Teil der Wanderung ging durch den schattigen Wald. Heather hatte uns vor Abreise erklärt, dass wir heute durch Fraser-Land laufen....leider keine Spur von Jamie...

 

Die letzten fünf Kilometer liefen wir einer Strasse entlang. Anja entdeckte einen Busch weisser Rosen, das Zeichen der Jacobites. Ob wir Jamie wohl hier finden würden? Leider nein. Wir waren froh, nach 23 km in Drumnadrochit anzukommen und schauten im BnB noch den Schluss des Fussballspiels Schweden - England. Allzu weit werden wir heute Abend wohl nicht mehr gehen. Zum einen, weil wir nach den 23km doch ein bisschen müde sind, zum anderen, weil England gewonnen hat und es im Pub wohl sehr ausgelassen zu und hergehen wird. Da bleiben wir doch lieber in unserem Zimmer und schauen uns die dritte Staffel von Outlander an.

6. Etappe Abriachan - Drumnadrochit (15 km)

Pünktlich um 09:30 Uhr hat uns der Besitzer der Loch Ness Travel Company im BnB abgeholt, um uns nach Abriachan zu fahren. Wir holten unterwegs noch weitere Wanderer ab und waren sehr erfreut, als wir Valerie, unsere Schweizer Bekanntschaft aus Fort William wiedersahen. Allerdings war sie uns einen Tag voraus und bestritt heute ihre letzte Etappe nach Inverness, während wir nach Drumnadrochit zurückkehrten.

 

Martha, die ältere Lady aus London, hatte das selbe Programm wie wir, und so zogen wir gemeinsam los. Erst wanderten wir auf einem engen Pfad, dann gelangten wir auf eine breitere Waldstrasse. Während wir über eine Weide gingen, zogen graue Wolken auf. Anja freute sich, denn zum ersten Mal diese Woche herrschte so richtig Schottisches Wetter. Aber Regen fiel dann leider doch nicht. Auf einem schmaleren Waldstück erfolgte schliesslich der Abstieg Richtung Drumnadrochit. Von der Schafweide aus hatten wir einen tollen Ausblick auf den Loch und das Schloss Urquhart. 

 

Nach ca. 3 Kilometern auf einem Gehsteig der Hauptstrasse entlang erreichten wir das Loch Ness Visitor Center und besuchten die multimediale Ausstellung. Ob es Nessie wirklich gibt, und um was für ein "Tier oder Monster" es sich dabei handelt, blieb uns jedoch verschwiegen...

 

Am Fiddlers Food Truck konnte Anja nicht tatenlos vorbeigehen und so gönnte sie sich eine Portion Falafel mit Chips als frühes Abendessen. Wow, so riesige Falafel hatte ich noch nie gesehen! Die waren riesig!

 

Nach einem kurzen Abstecher in unser BnB ging es weiter zum Schloss Urquhart, was bedeutete, dass Anja nochmals gut 4 km bewältigen musste. Der Weg lohnte sich, dank der späten Stunde hatte es auch nicht mehr soooo viele andere Besucher. Die Geschichte des Schlosses wird in einem Film gezeigt. Unten bei der Ruine geben Infotafeln Aufschluss über die einzelnen Räume des Schlosses. Als wir das Schloss verliessen, kam Anja ins Gespräch mit einem älteren Ehepaar aus Frankreich. Sie schoss für die zwei ein paar Fotos und das Pärchen war so begeistert von Anjas Erzählungen von der Wanderung, dass sie sie einluden, sie in ihrem Camper zurück ins Städtchen zu fahren. Anja nahm das Angebot dankend an.

7. Etappe Drumnadrochit - Inverness (16 km)

Da war er also nun - der letzte Tag unserer Wanderung. Erfreut und ein bisschen traurig zu gleich, packten wir zum letzten Mal unseren Wanderrucksack. Loch Ness Travel Company brachte uns zu dem Ausgangspunkt der gestrigen Wanderroute und von da ging es heute in Richtung Inverness.

 

Martha und Anja kamen sehr gut voran und so waren Zweidrittel der Strecke bis um Mittag geschafft. 6,5 km vor Inverness machte Anja einen Abstecher zu den "Standing Stones", welche in der Serie Outlander vorkommen. Nicht der Steinkreis der Serie, sondern der echte Steinkreis, welcher sozusagen als Vorlage diente. Zum Glück ist Anja beim Berühren der Steine nichts passiert und sie ist in unserem Jahrhundert geblieben. Obwohl sie sich wahrscheinlich über eine Zeitreise ins 18. Jahrhundert und die Begegnung mit so gewissen Highlandern gefreut hätte.

 

Die Wanderroute führte auch über den Pfad, der einigen Highlandern in der Schlacht im Culloden Moor das Leben rettete. Anja überkam ein mulmiges Gefühl bei dem Gedanken daran. Eilig brachte sie den Weg hinter sich und fand sich bald auf den Nessie Islands vor Inverness wieder. Das Ende des Great Glen Ways in Form des Schlosses war in Sicht - und somit auch die Pint Cider zum krönenden Abschluss in Reichweite. Martha und Anja liessen sich in der Castle Tavern nieder, um den Abschluss ihrer Wanderung zu begiessen. Anja wird noch zwei Nächte in Inverness verweilen, bis ihr nächstes Abenteuer auf den Orkney Islands seinen Lauf nimmt...