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Traumjob oder Albtraum: Gästebetreuer

Gästebetreuer haben den tollsten Job der Welt!

Sie können reisen, Produkte und Safaris testen, an der Sonne liegen und sie haben immer Spass. Sie machen ein paar Monate Ferien und verdienen dabei noch Geld...

 

Genau so ist es nicht. Ich wage den Versuch, nachfolgend mit den Klischées aufzuräumen. Es geht mir überhaupt nicht darum, den Beruf schlecht zu machen. Wie in jedem anderen Beruf gibt es Vorteile und Nachteile. Ich möchte lediglich auf ein paar Punkte hinweisen, die man sich vorher gut überlegen sollte.

 

Ich habe in den drei Saisons als Gästebetreuerin die Erfahurng gemacht, dass sich Leute im Vorfeld leider viel zu wenig informieren oder sich gar nicht vorstellen können, wie das vor Ort genau abläuft.

Anpassung an die Gegebenheiten vor Ort

Tatsächlich ist es ein Unterschied, ob man eine Woche lang Ferien in einer Destination verbringt oder für längere Zeit in der Destination lebt. Man lebt dort. Man muss die Gegebenheiten vor Ort kennen. In Lappland sollte man sich zum Beispiel darauf vorbereiten, dass man die Sonne während der Polarnacht nicht zu Gesicht bekommt und der Körper dadurch in eine Art "Winterschlaf" fällt, dass es mehrere Tage hintereinander bitterkalt sein kann oder es tagelang schneit. Und ja, es gibt Finnen, die kein Englisch sprechen.

 

Man sollte daran denken, dass zum Beispiel die Schotten einen schwer verständlichen Dialekt sprechen. Andernfalls fällt man vor Ort vielleicht aus allen Wolken, wenn man sein Gegenüber nicht versteht.

 

Bevor man sich für eine Stelle als Gästebetreuer entscheidet, sollte man sich also intensiv mit dem Land, den Leuten, der Kultur und der Natur auseinandersetzen, damit man sich einerseits anpassen und viel wichtiger, sein Wissen den Gästen weitergeben kann.

Arbeitszeiten

Viele Veranstalter verlangen von ihren Gästebetreuern, dass sie 6-Tage in der Woche arbeiten. Viel Freizeit für tolle Aktivitäten bleibt da also nicht. Der freie Tag wird primär zum Wäsche waschen, einkaufen, putzen und private Angelegenheiten erledigen eingesetzt. Ist man an einem freien Tag in der Destination unterwegs, muss man damit rechnen, dass man von Gästen erkannt und in ein Gespräch verwickelt wird - die wissen ja nicht, dass gerade heute der einzige freie Tag ist.

Anlässe für Gäste am Abend, welche von den Betreuern durchgeführt werden, sind keine Ausnahme. Willkommens-Treffen, landestypische Aktivitäten, Abendessen etc. um nur ein paar davon zu nennen. Ansonsten besteht die Arbeit aus viel Präsenzzeit im Büro, denn die Transfer- und Unterkunftslisten sowie die Welcome-Couverts bereiten sich nicht von alleine vor.

Lange Arbeitstage sind keine Seltenheit. 10 Stunden ohne Pause sind die Regel, bei Flugverspätungen können es schon mal 12 - 14 Stunden werden.

 

Es lohnt sich, das Wording im Vertrag genau zu lesen und nachzufragen, wie das Wochenprogramm abläuft und wie das Vorgehen aussieht, wenn ein Teammitglied krankheitshalber längere Zeit ausfällt.

24-Stunden Erreichbarkeit

Pikettdienst bedeutet einen Eingriff ins Privatleben. Der Arbeitgeber ist gemäss Schweizer Recht verpflichtet, Massnahmen zum Schutz der persönlichen Integrität der Arbeitnehmer zu treffen. Gemäss Gesetz dürfen Arbeitnehmer im Zeitraum von vier Wochen an höchstens sieben Tagen auf Pikett sein. Nach Beendigung des letzten Dienstes darf der Arbeitnehmer während den zwei darauffolgenden Wochen nicht mehr zum Pikettdienst aufgeboten werden. Ausnahmsweise kann ein Arbeitnehmer im Zeitraum von vier Wochen an höchstens 14 Tagen auf Pikett sein - viel Spass bei der Organisation vor Ort. In den meisten Fällen ist es schlichtweg nicht möglich, ein Team von zwei bis drei Personen gesetzeskonform in einen Kundenservice mit 24h-Erreichbarkeit einzuteilen. Über diese Tatsache sehen die Veranstalter grosszügig hinweg. Es ist selbstverständlich, dass Gästebetreuer rund um die Uhr für die Gäste da sind. Auch davon, dass die geleistete Zeit gemäss Art. 15 ArGV zu entschädigen ist, will niemand etwas wissen.

Feiertage und Sonntagsarbeit

Genau so selbstverständlich wie die 24h-Erreichbarkeit ist auch die Arbeit an Feiertagen und Sonntagen. Entschädigung? Keine. Und das obwohl die geleistete Arbeitszeit an einem Feiertag gemäss Gesetz mindestens durch Freizeit auszugleichen wäre. Bei mehr als fünf Stunden Arbeitszeit an einem Feiertag müsste sogar ein Ersatzruhetag von mind. 24 Stunden gewährt werden - was bei einem 7-Tage Betrieb mit zwei bis drei Arbeitnehmern organisatorisch gar nicht möglich ist.

Es ist hilfreich, wenn man sich vor dem Einsatz genau informiert, auf was man sich einlässt.

Arbeitszeiterfassung ist in der Schweiz zwar vorgeschrieben, den Gästebetreuern werden leider keine Tools zur Verfügung gestellt. Wahrscheinlich weil die Betriebe wissen, dass die Betreuer viel mehr Stunden leisten, als sie eigentlich dürften.

Unterkunft

Auch hier hilft es, wenn man vor dem Unterzeichnen des Vertrages genau nachfragt und sich selber ein Bild von der Unterkunft macht. Falsche Versprechungen können schnell zu Enttäuschungen führen. Wenn der Veranstalter ein Einzelzimmer verspricht, sollte man auch darauf bestehen, dass man ein Zimmer für sich erhält.

In meiner letzten Saison mussten mein Team und ich sieben Mal umziehen, weil leider keine Unterkunft für die gesamte Dauer des Einsatzes gefunden werden konnte. Diese zusätzliche Belastung mussten wir zu allem Übel auch noch an unserem Transfertag in Kauf nehmen; nach einem 12 stündigen Arbeitstag umziehen ist nicht so lustig. Ein kleiner Lichtblick am Abend war das Frozen Yoghurt zum Abendessen, weil wir den Kübel Joghurt im Auto vergessen hatten und dieser bei -30 Grad im Auto eingefroren war :-D

Zwischen den Fronten

Gästebetreuer stehen immer zwischen den Fronten: Gäste, die Partner vor Ort und der Veranstalter. Entscheidungen zugunsten der Gäste können negative Auswirkungen auf die Partner oder den Veranstalter mit sich ziehen und umgekehrt. Als Gästebetreuer strebt man nach einer Lösung, die für alle Beteiligten stimmt. Nur ist dies einfacher gesagt als getan. Es erfordert viel Fingerspitzengefühl und Knowhow, um möglichst allen gerecht zu werden. Besonders frustrierend ist es, wenn man sich an die Weisungen des Veranstalters hält, dieser einem aber dann trotzdem in den Rücken fällt, weil sie dann doch lieber Gästereklamationen vermeiden wollen. Dann steht man vor den Gästen und den Partnern ganz schön blöd da.

Team

Das Team kann man sich nicht selber aussuchen. Es ist immer ein Risiko, ob sich die Gästebetreuer untereinander verstehen oder nicht. Und dann wohnt man vielleicht auch noch zusammen. Man kann den anderen bei einem Konflikt nicht einfach aus dem Weg gehen, das funktioniert nicht. Ich hatte das Glück, dass ich in meinen drei Saisons als Gästebetreuerin zweimal ein sehr gutes Team hatte, und dafür bin ich sehr dankbar.

Das unterschiedliche Erfahrungs- und Wissensniveau birgt ebenfalls Gefahrenpotential. Jemand, der noch nie zuvor in einer Destination war, kann einem Gast logischerweise weniger Auskunft geben als jemand, der schon mehrere Saisons lang dort gearbeitet hat. Eine Person, die im Tourismus arbeitet oder gearbeitet hat, kennt sich besser aus mit allen Fachbegriffen, Abkürzungen, Programmen, Pauschalreisegesetz, Versicherungen und sonstigen rechtlichen Aspekten. Hintergrundwissen ist das A und O der Branche. Es reicht nicht aus, lediglich viel gereist zu sein.

Monotone Arbeit

Es ist jede Woche dasselbe, abgesehen von den Gästen. Man bereitet Woche für Woche dieselben Listen für die Partner vor Ort auf. Woche für Woche betreut man die selben Abendanlässe und hält auf den Transfers dieselben Reden. Man gibt 100 Mal dieselbe Antwort auf dieselben Fragen. Dieselben Witze. Woche für Woche.

 

Die Gäste tragen viel zur positiven Stimmung bei und wecken einem aus den monotonen Arbeitsabläufen auf. Ich persönlich habe die Abende/Nachmittage geliebt, bei denen ich mit kleinen Gruppen bei einer Aktivität war. Es haben sich immer sehr gute Gespräche ergeben und ich konnte mir für meine Gäste Zeit nehmen und sie richtig betreuen. Ich war dankbar für das Interesse der Gäste und sie wiederum freuten sich über meine Insidertipps.

Die Aktivitäten in Kleingruppen gehen leider immer mehr zurück. Das Gästevolumen steigt und die persönliche Betreuung kommt meiner Meinung nach heutzutage zu kurz.

Wieso war ich als Gästebetreuerin tätig?

Wie gesagt, jede Tätigkeit hat seine Vor- und Nachteile und solange man sich deren bewusst ist, kann man gut damit leben. Nur habe ich in diesem Berufsfeld eben viele Personen angetroffen, welche sich den Bedingungen nicht bewusst waren. Deshalb habe ich diesen Artikel verfasst und ich hoffe, dass er Personen die Augen öffnet, bevor sie eine Stelle antreten, deren Herausforderungen sie nicht gewachsen sind.

 

Würden die rechtlichen Grundlagen eingehalten werden und wären die Bedingungen besser, wäre ich nach wie vor als Gästebetreuerin tätig,

 

- weil mir die Arbeit mit den Gästen Spass macht

- weil ich es liebe, mein Wissen über Lappland/Schottland, die Bewohner und die Kultur zu teilen und weiterzugeben

- weil ich es liebe, den Gästen mit "witzigen Anekdoten aus dem Nähkästchen" ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern

- weil es viele spannende, persönliche Begegnungen mit Gästen gab

- weil mir die Herausforderung gefiel, den Gästen die besten Erlebnisse vor Ort zu ermöglichen 

- weil ich während den Saisons super gute Beziehungen zu den Partnern vor Ort aufbauen konnte und sich daraus Freundschaften fürs Leben ergeben haben

- weil ich zweimal ein super gutes Team hatte und sich daraus ebenfalls Freundschaften fürs Leben ergeben haben

- weil ich bei so manchen Problemlösungen meine Kreativität unter Beweis stellen musste und mir dies geholfen hat, in schwierigen Situationen viel gelassener zu sein

- weil ich durch die Tätigkeit als Gästebetreuerin meine Fähigkeiten im Kundenservice weiterentwickelt habe

- weil ich so die Möglichkeit hatte, in meinen beiden Lieblingsdestinationen zu arbeiten

- weil ich mir erhofft hatte, mit unseren Rückmeldungen zu Ende der Saisons die Bedingungen für die nächste Generation Gästebetreuer zu verbessern

Traumjob oder Albtraum? Das kann schlussendlich jeder für sich entscheiden. In meinen News von der Saison erhält ihr ebenfalls einen Einblick in unseren Alltag.